Sicherheitsprofil der Cannabinoide
Quelle: DGS-Praxisleitlinie Cannabis in der Schmerzmedizin. Version: 1.0 für Fachkreise. (2018), wenn nicht anders gekennzeichnet
Cannabinoide zeigen ein gutes Sicherheitsprofil, wenn eine korrekte Dosierung angewandt wird und die Kontraindikationen und Wechselwirkungen beachtet werden (Whiting et al. 2015, Price et al. 2022). Eine Überdosis mit Medizinalcannabis, welche zum Tod führt, ist nicht bekannt und sehr unwahrscheinlich (Müller-Vahl und Grotenhermen, 2020).
Treten Nebenwirkungen von Cannabisarzneimitteln auf, lassen sich diese meist durch eine Anpassung der folgenden Parameter minimieren (Gabaglio et al. 2021, Sorkhou et al. 2021, Murray et al. 2022):
- Anwendungsfrequenz (niedriger)
- THC-Dosis (niedriger)
- CBD-Dosis (höher)

Die häufigsten Nebenwirkungen
Psychiatrische Nebenwirkungen
Psychiatrische Nebenwirkungen sind stark THC-dosisabhängig und können besonders durch eine Verringerung der Dosis sowie durch Kombination mit CBD abgemindert werden (Gabaglio et al. 2021).
- Angst und Unruhe (gelegentlich, stark dosisabhängig)
- Beeinträchtigung der Reaktionsfähigkeit, Feinmotorik, Bewegungskoordination
- Müdigkeit und Schläfrigkeit
- Beeinträchtigung des Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit
- Panikattacken
- Verwirrtheit und Halluzination
Körperliche Nebenwirkungen
Gegenüber körperlichen Nebenwirkungen tritt meist eine Toleranzentwicklung innerhalb von einigen Tagen auf.
- Verminderte Speichelproduktion (Mundtrockenheit)
- Tachykardie (langfristig auch Bradykardien)
- Orthostatische Beschwerden mit Schwindel
- Flush- oder Blutdruckabfall
- Kopfschmerz, Muskelschmerz
- Übelkeit und Erbrechen
- Durchfall und Bauchschmerz
Sonstige Nebenwirkungen
Bei gerauchtem Cannabis in Zigarettenform kann chronischer Husten oder ein Karzinom auftreten, daher ist von dieser Anwendungsform abzuraten. Auch von einer Kombination mit Tabak ist abzusehen.
Verkehrstüchtigkeit
THC beeinträchtigt die Verkehrstüchtigkeit während der akuten Intoxikation. Ebenso ist Vorsicht geboten bei dem Bedienen von Maschinen. (Eine Dauertherapie, die mit fester Dosis nach festem Zeitschema – möglichst als Zweimal- oder Dreimalgabe pro Tag – durchgeführt wird, kann nach Einzelfallabwägung mit erhaltener Verkehrstüchtigkeit einhergehen.)
Das Suchtpotential von Cannabis
Cannabis kann suchterzeugend wirken. Das Suchtpotential von Cannabis ist hierbei allerdings schwer zu quantifizieren, da genetische Prädispositionen eine große Rolle spielen. Die genetische Komponente zur Anfälligkeit für die sogenannte Cannabis-use-disorder (CUD) wird mit 51-70% eingeschätzt (Verweij et al. 2010, Kendler et al. 2015). Gene, die mit CUD in Verbindung gebracht werden, sind auch mit Risiko für Schizophrenie und geringerer kognitiver Performanz assoziiert (Demontis et al. 2019). Zur sicheren Anwendung von Medizinalcannabis sollten also Prädispositionen und Historie mit Schizophrenie bei den Patient:innen vorweg ausgeschlossen werden.
Im Vergleich zu anderen weit konsumierten Substanzen schneidet Cannabis mit einem deutlich geringeren Suchtpotential ab. Lopez-Quintero verglichen das suchterzeugende Potential von Nikotin, Alkohol, Cannabis und Kokain, und fanden, dass Cannabis das bei weitem geringste Suchtpotential dieser Substanzen zeigte. Bei Patient:innen, bei denen CUD diagnostiziert wurde, ist hierfür in vielen Fällen der Mischkonsum mit Tabak verantwortlich, der die Abhängigkeit erhöht, aber oft nicht mit in die Diagnose einbezogen wird (Vandrey et al. 2008).
Owolabi et al. verglichen in 2017 die Auswirkungen von Cannabis und Koffein auf das Belohnungssystem und fanden, dass Koffein größere Änderungen der Neurotransmitter Dopamin, GABA und Glutamat auslöste als Cannabis.
Generell korreliert das Suchtpotential von Cannabis mit der Potenz des konsumierten Cannabis (THC-Gehalt) (Freeman and Winstock, 2015), weshalb zur Reduktion des Suchtpotentials eine Reduktion der THC-Dosis empfohlen werden kann und/oder eine Kombination mit CBD, da dies das Suchtpotential des THCs signifikant verringert (Morgan et al. 2010, Kroon et al. 2020).
Wechselwirkungen
Cannabinoide werden über das Cytochrom-P450-System verstoffwechselt. In der folgenden Tabelle finden Sie eine Übersicht von Medikamenten, welche möglicherweise Wechselwirkungen mit THC und CBD zeigen, sowie die Richtung der Wirkungsänderung.
Beispiele von Cytochrom-P450 verstoffwechselte Medikamentengruppen und mögliche Wechselwirkungen:
| Art | Wirkstoff | Einfluss auf THC/ CBD Wirkung |
|---|---|---|
| Antibiotika | CYP-P450 Inhibition: Clarithromycin, Erythromycin | Wirkungssteigerung |
| CYP-P450 Induktion: Rifampicin | Wirkungsminderung | |
| Azolantimykotika | CYP-P450 Inhibition: Ketoconazol, Fluconazol, Itraconazol, Voriconazol | Wirkungssteigerung |
| Benzodiazepine | Alprazolam, Diazepam, Midazolam, Triazolam | Interaktionen möglich |
| Calciumkanalblocker | CYP-P450 Inhibition: Diltiazem, Verapamil | Wirkungssteigerung |
| Amlodipin, Felodipin, Lercanidipin, Nifedipin, Nisoldipin, Nitrendipin, Verapamil, | Interaktionen möglich | |
| Immunsuppressiva | CYP-P450 Inhibition: Ciclosporin, Sirolimus, Tacrolimus | Wirkungssteigerung |
| CYP-P450 Induktion: Dexamethason | Wirkungsminderung | |
| HIV-Medikamente | CYP-P450 Inhibition: Indinavir, Ritonavir, Saquinavir | Wirkungssteigerung |
| CYP-P450 Induktion: Efavirenz | Wirkungsminderung | |
| Statine | Atorvastatin, Lovastatin, Simvastatin | Interaktionen möglich |
| Gerinnungshemmer | Apixaban, Phenprocoumon, Rivaroxaban | Interaktionen möglich |
| Antikonvulsiva | CYP-P450 Inhibition: Norfluoxetin (aus Fluoxetin) Fluvoxamin | Wirkungssteigerung |
| CYP-P450 Induktion: Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital, Oxcarbazepin | Wirkungsminderung | |
| Antidepressiva | CYP-P450 Induktion: Hyperforin (in Johanniskraut) | Wirkungsminderung |
| Divese | Amiodaron, Aripiprazol, Buspiron, Carbamazepin, Chinidin, Chinin, Ethinylestradiol, Imatinib, Methadon, Sildenafil, Tamoxifen, Terfenadin, Trazodon, Vincristin | Interaktionen möglich |
| CYP-P450 Inhibition: Amiodaron Cimetidin Aprepitant | Wirkungssteigerung |
(Nach Daten aus: Horlemann und Schürmann, 2018 und Böhm et al. 2012)
Kontraindikationen und Vorsicht
Liegt bei den Patient:innen eine
- schwere psychiatrische Erkrankung (Borderline-Syndrom, bipolare Störungen, Psychosen, Polytoxikomanie)
- Schwangerschaft oder Stillzeit
- Cannabismissbrauch-Historie
vor, ist von dem Einsatz von Cannabisarzneimitteln abzusehen.
Ebenso ist der Einsatz von Cannabisarzneimitteln bei Jugendlichen und Kindern nur in begründeten Ausnahmefällen zu empfehlen.
Wenn ein Patient sich in einer “palliativen Situation” (SGB V) befindet, kann trotz Kontraindikation ein Heilversuch mit Cannabinoiden angemessen sein
Literatur
Die Kernaussage und Methodik der in diesem Bereich zitierten Literatur finden Sie im Fachbereich unter „Literatur“ zusammengefasst.
Böhm R, Reinecke K, Haen E, Cascorbi I, Herdegen T. Arneimittelinteraktionen – verstehen, vermitteln und vermeiden. DAZ Nr. 36, 2012, 64 – 74.
Freeman TP, Winstock AR. Examining the profile of high-potency cannabis and its association with severity of cannabis dependence. Psychol Med. 2015;45(15):3181-3189.
Gabaglio M, Zamberletti E, Manenti C, Parolaro D, Rubino T. Long-Term Consequences of Adolescent Exposure to THC-Rich/CBD-Poor and CBD-Rich/THC-Poor Combinations: A Comparison with Pure THC Treatment in Female Rats. Int J Mol Sci. 2021;22(16):8899. Published 2021 Aug 18. doi:10.3390/ijms22168899
Horlemann J, Schürmann N. DGS-PraxisLeitlinie, Cannabis in der Schmerzmedizin. Version: 1.0 für Fachkreise. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. 2018
Kroon E, Kuhns L, Hoch E, Cousijn J. Heavy cannabis use, dependence and the brain: a clinical perspective. Addiction. 2020;115(3):559-572.
Koppel BS, Brust JC, Fife T, et al. Systematic review: efficacy and safety of medical marijuana in selected neurologic disorders: report of the Guideline Development Subcommittee of the American Academy of Neurology. Neurology. 2014;82(17):1556-1563. doi:10.1212/WNL.0000000000000363
Müller-Vahl, K. R. & Grotenhermen, F. Cannabis und Cannabinoide in der Medizin. (Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2020).
Morgan CJ, Freeman TP, Schafer GL, Curran HV. Cannabidiol attenuates the appetitive effects of Delta 9-tetrahydrocannabinol in humans smoking their chosen cannabis. Neuropsychopharmacology. 2010;35(9):1879-1885.
Murray CH, Huang Z, Lee R, de Wit H. Adolescents are more sensitive than adults to acute behavioral and cognitive effects of THC. Neuropsychopharmacology. 2022;47(7):1331-1338. doi:10.1038/s41386-022-01281-w
Sorkhou M, Bedder RH, George TP. The Behavioral Sequelae of Cannabis Use in Healthy People: A Systematic Review. Front Psychiatry. 2021;12:630247. Published 2021 Feb 16. doi:10.3389/fpsyt.2021.630247
Vandrey RG, Budney AJ, Hughes JR, Liguori A. A within-subject comparison of withdrawal symptoms during abstinence from cannabis, tobacco, and both substances. Drug Alcohol Depend. 2008;92(1-3):48-54.
Whiting PF, Wolff RF, Deshpande S, et al. Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis [published correction appears in JAMA. 2015 Aug 4;314(5):520] [published correction appears in JAMA. 2015 Aug 25;314(8):837] [published correction appears in JAMA. 2015 Dec 1;314(21):2308] [published correction appears in JAMA. 2016 Apr 12;315(14):1522]. JAMA. 2015;313(24):2456-2473. doi:10.1001/jama.2015.6358