Therapeutische Anwendung
Schmerz
Schmerz, insbesondere chronischer Schmerz, stellt in Deutschland die häufigste Indikation für den Einsatz von Medizinalcannabis dar. Obwohl bislang kein cannabinoidbasiertes Arzneimittel zur Behandlung chronischer Schmerzen zugelassen ist, werden Cannabinoide in einigen Leitlinien bereits berücksichtigt. So führt beispielsweise die European
Pain Federation (EFIC) in ihrem Positionspapier zur angemessenen Anwendung cannabisbasierter Arzneimittel aus, dass solche Präparate als Drittlinientherapie bei neuropathischen Schmerzen in Betracht gezogen werden können (Häuser et al., 2018).
Eine kürzlich veröffentlichte große randomisierte Studie an Patient:innen mit chronischen Rückschmerzen fand, dass ein THC-dominanter Cannabisextrakt dem Placebo signifikant in der Schmerzreduktion überlegen war (Karst et al. 2025) und, dass der Extrakt eine verbesserte gastrointestinale Verträglichkeit, stärkere Schmerzlinderung und bessere
Schlafqualität im Vergleich zu Opioiden zeigte (Meissner et al. 2025).
Im Mittel zeigen systematische Reviews randomisierter kontrollierter Studien, dass THC eine moderate Schmerzlinderung im Bereich einer etwa 30-prozentigen Reduktion erzielt (z.B. Bell et al. 2023; Bilbao and Spanagel, 2022). Darüber hinaus berichten Reviews, dass Cannabinoide auch komorbide Symptome chronischer Schmerzen wie Schlafstörungen, Angst und Appetitveränderungen verbessern können (Bell et al. 2023).
Wirkmechanismus
Das Endocannabinoidsystem reguliert die Aktivität des Schmerzpfades auf mehreren Ebenen:
| Periphere Modulation nozizeptiver Signale | Eine Aktivierung peripher lokalisierter CB1-Rezeptoren in nozizeptiven Terminals führt zu einer Hemmung nozizeptiver Neurone unabhängig von NMDA-Rezeptoren. 1 Diese periphere Modulation reduziert die Weiterleitung von Schmerzsignalen bereits am Ort ihrer Entstehung. |
| Spinale Verarbeitung und Weiterleitung | CB1-Rezeptoren sind im Rückenmark in hoher Dichte vorhanden, insbesondere im dorsolateralen Funiculus, in der Umgebung des Zentralkanals und im oberflächlichen Dorsalhorn. 2 Die Aktivierung dieser Rezeptoren in afferenten spinalen Arealen hemmt die synaptische Schmerzübertragung und beeinflusst damit die Intensität des an supraspinale Zentren weitergeleiteten Signals. |
| Supraspinale Schmerzmodulation | Supraspinale CB1-Rezeptoren sind in zentralen Strukturen der nozizeptiven Verarbeitung lokalisiert, darunter Thalamus, Amygdala und periaquäduktale graue Substanz. THC-induzierte Aktivierung von CB1-Rezeptoren im Thalamus fördert die absteigende Schmerzhemmung unter anderem durch verstärkte GABA-Freisetzung. 3 Diese Mechanismen tragen zu einer zentralen Reduktion der Schmerzintensität bei. |
| Autonome Regulation und top-down-Modulation | Studien an Patienten mit chronischen neuropathischen Schmerzen zeigen, dass THC das autonome Gleichgewicht in Richtung eines erhöhten parasympathischen Tonus verschiebt und inhibitorische Schmerzmechanismen stärkt. 4 Der Anstieg des Vagustonus korreliert mit funktionellen Konnektivitätsveränderungen in höhergeordneten regulatorischen Hirnarealen. Dies weist darauf hin, dass THC top-down-Mechanismen moduliert, die an der zentralen Schmerzverarbeitung beteiligt sind. Die beobachteten Veränderungen deuten auf eine mögliche Normalisierung verschiedener Ebenen supraspinaler Schmerzdysregulation hin. |
Synergie mit anderen Analgetika und Analgetika Substitution
Praxisdaten zeigen, dass Patientinnen und Patienten bei gleichzeitiger Anwendung von Cannabinoiden häufig die Dosen anderer Analgetika reduzieren können oder diese sogar absetzen können (Benedict et al. 2022, Gastmeier et al. 2022, Greis et al. 2022, Nunnari et al. 2022, Renslo et al. 2022, Aviram et al. 2021, Greis et al. 2021, Lucas et al. 2021, Meng et al. 2021, Safakish et al. 2020). Auch als Add-on Behandlung zu einer onkologischen Standardtherapie können Cannabinoide helfen, die Opioiddosis der Krebspatient:innen zu verringern und die Kontrolle der Schmerzen zu verbessern (Zylla et al. 2021).
Der physiologische Hintergrund dieses Effekts liegt wahrscheinlich unter anderem in der Bildung von Rezeptorenkomplexen zwischen Cannabinoidrezeptoren und beispielsweise Opioidrezeptoren. CB1 beispielsweise bildet Rezeptorkomplexe mit μ-Opioidrezeptoren (MOR) (Hojo et al. 2008, Rios et al. 2006). In dem Komplex wird durch gleichzeitige Aktivierung
von CB1 durch beispielsweise THC und MOR durch Opioide die schmerzstillende Wirkung im Vergleich zur einzelnen Aktivierung verstärkt (Rios et al. 2006).
Substituiertes Analgetikum | Ergebnis | Studie |
|---|---|---|
| Benzodiazepine | Verringerung der Dosis oder Absetzen bei 69% | Greis et al. 2022 |
| Opioide | Verringerung der Dosis oder Absetzen bei 72.6% | Greis et al. 2022 |
| Opioide | Rückgang des Anteils der Opioidkonsument:innen von 67.9% auf 44.6% | Nunnari et al. 2022 |
| Opioide | Reduktion um 24 mg/ Tag Morphinäquivalent bzw. Um 50% | Gastmeier et al. 2022 |
| Opioide | Rückgang des Anteils der Opioidkonsument:innen von 28% auf 11%; Reduktion der Opioiddosis um 78% | Lucas et al. 2021 |
In klinischen Studien mit chronischen Schmerzpatient:innen konnten folgende Wirkungen von Medizinalcannabis bewiesen werden:
| Wirkung | Literatur |
|---|---|
| Reduktion des Schmerzes | Karst et al. 2025, Varadpande et al. 2025, Bell et al. 2023 Greis et al. 2022, Mohamed et al. 2022, Moreno-Sanz et al. 2022, Ueberall et al. 2022, Köstenberger et al. 2021, Meng et al. 2021, Wang et al. 2021, Aviram et al. 2020, Safakish et al. 2020 |
| Verbesserung der physischen Funktionalität | Wang et al. 2021, Poli et al. 2018 |
| Verbesserung der Schlafqualität | Karst et al. 2025, AminiLari et al. 2022, Wang et al. 2021, Giorgi et al. 2020, Sznitman et al. 2020 |
| Verringerung der Schlafunterbrechungen | Karst et al. 2025, AminiLari et al. 2022, Wang et al. 2021, Giorgi et al. 2020, Sznitman et al. 2020 |
| Reduktion der Dosen anderer Medikamente (meist Opioide) | Benedict et al. 2022, Gastmeier et al. 2022, Greis et al. 2022, Nunnari et al. 2022, Renslo et al. 2022, Aviram et al. 2021, Greis et al. 2021, Lucas et al. 2021, Meng et al. 2021, Safakish et al. 2020 |
| Verbesserung der komorbiden Angst und Depressionen | Varadpande et al. 2025, |
| Verbesserung der Lebensqualität | Aviram et al. 2021, Meng et al. 2021, Murray et al. 2020 |
Besonders häufig angewendet bei
- Neuropathischem Schmerz (Ueberall et al. 2019)
- Fibromyalgie (Boehnke et al. 2021, Giorgi et al. 2020, Sagy et al. 2019)
- Tumorschmerz (Aviram et al. 2020)
- Kopfschmerz und Migräne (Duarte et al. 2021, Stith et al. 2020)
- Chronischer Rückenschmerz (Karst et al. 2025, Meissner et al. 2025)
Welche Anwendungsformen sind besonders effektiv bei Schmerz?
Zur schnellen Behandlung akuten Schmerzes ist eine inhalative Anwendung zu empfehlen, da hier die volle Wirkung bereits nach 15-30 Minuten erreicht ist (Grotenhermen, 2003).
Eine orale Anwendungsform eines Cannabisextraktes kann, in regelmäßigen Abständen eingenommen, eine konstante und lang anhaltende Verbesserung bringen, da die Wirkung bis zu 12 Stunden anhält (Grotenhermen, 2003). Die Einnahme eines oralen Präparates vor der Nacht kann die Schlafunterbrechungen verringern und die Schlafqualität verbessern (AminiLari et al. 2022).
Wirkung von Mediznalcannabis bei chronischen Schmerzen – nach dem Bio-Psycho-Sozialen Modell

Einsatz in der Palliativmedizin
Ziel der Palliativmedizin ist, die Lebensqualität von Patient:innen mit begrenzter Lebenserwartung so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Medizinalcannabis bietet symptomatische Erleichterung in zahlreichen mit der Palliativmedizin in Zusammenhang stehenden Indikationen:
| Wirkung | Literatur |
|---|---|
| Reduktion des Schmerzes | Greis et al. 2022, Mohamed et al. 2022, Moreno-Sanz et al. 2022, Ueberall et al. 2022, Köstenberger et al. 2021, Meng et al. 2021, Wang et al. 2021, Aviram et al. 2020, Safakish et al. 2020 Allan et al. 2018 |
| Verbesserung psychosozialer Symptome: Depression, Angst | Stanciu et al. 2021, Jetly et al. 2015 |
| Verbesserung von Tumorkachexie und Appetitlosigkeit | Castle et al. 2025, Wang et al. 2019, Horlemann und Schürmann 2018 |
| Verbesserung der Übelkeit und des Erbrechens | Allan et al 2018, Whiting et al. 2015 |
| Verbesserung der physischen Funktionalität | Wang et al. 2021, Poly et al. 2018 |
| Verbesserung der Schlafqualität | AminiLari et al. 2022, Wang et al. 2021, Giorgi et al. 2020 |
| Verringerung der Schlafunterbrechungen | AminiLari et al. 2022, Sznitman et al. 2020 |
| Reduktion der Dosen anderer Medikamente (meist Opioide) | Aviram et al. 2022, Greis et al. 2022, Gastmeier et al. 2022, Sihota et al 2021, Safakish et al. 2020 |
| Verbesserung der Lebensqualität | Aviram et al. 2022, Meng et al. 2021, Murray et al. 2020 |

Einsatz in der Geriatrie
Cannabinoidarzneimittel können viele altersbedingte Symptome lindern und daher ein sinnvoller Weg zur Verbesserung der Lebensqualität von Patientinnen und Patienten sein.
Der therapeutische Nutzen lässt sich hierbei in folgende Anwendungsgebiete einteilen:
- Analgesie und Verbesserung der physischen Funktionalität
- Reduktion der Dosen anderer zur Schmerzbehandlung eingesetzter Medikamente
- Verbesserung der Symptome von Parkinson
- Appetitsteigerung
- Schlafförderung und Entspannung
Darüber hinaus berichten zahlreiche Studien über eine spürbare Entlastung des Pflegepersonals in stationären. Einrichtungen durch den Einsatz von Cannabisarzneimitteln. Dies wird vor allem auf die Reduktion neuropsychiatrischer. Symptome, etwa im Kontext von Demenzerkrankungen, zurückgeführt. Dazu zählen unter anderem Aggressivität, Unruhe
und depressive Verstimmungen.
HINWEIS: Besonderheiten des Einsatzes in der Geriatrie Ältere Menschen regieren sensitiver auf neuropsychiatrische und Posturale hypotensive Wirkungen, daher sollte mit einer besonders niedrigen Anfangsdosis von THC begonnen werden!
| Schmerz und körperliche Funnktionalität | Cannabinoide reduzieren den Opioidbedarf bei älteren Schmerzpatientinnen und -patienten und gehen insgesamt mit einem günstigeren Nebenwirkungsprofil einher. Bei älteren Schmerzpatientinnen und -patienten führte die Anwendung von Medizinalcannabis zu einer signifikanten Verbesserung der Schmerzsymptomatik und der Lebensqualität sowie zu einer Reduktion der erforderlichen Komedikation. THC zeigt allgemein Wirksamkeit in der Behandlung chronischer Schmerzen. |
| Demenz und neuropsychiatrische Symptome | Cannabinoide können neuropsychiatrische Symptome (Agitation, Depression, Unruhe) und die Kognition von Alzheimer Patient:innen verbessern und Entlasten das Pflegepersonal. Bei dementen Patient:innen verbessern Cannabinoide Agitation und widerspenstiges Verhalten und sind im allgemeinen gut verträglich. |
| Parkinson | Bei Parkinson Patient:innen verbessern Cannabinoide die Steifheit bei passiven Bewegungen. Potentieller Nutzen von Cannabinoiden in Bezug auf die Linderung des durch Morbus Parkinson bedingten Tremors, der Angst, der Schmerzen, der Verbesserung der Schlafqualität und der Lebensqualität. |
| Appetitsteigerung | THC ist wirksam zur Appetitsteigerung. Bei Patient:innen mit Tumorkachexie steigern Cannabinoide den Appetit signifikant. |
| Schlafförderung | Medizalcannabis führt zu signifikanten Verbesserungen der Schlafqualität und Verringerung der Schlafunterbrechungen. Bei chronischen Schmerzpatient:innen verbessert Medizinalcannabis die Schlafqualität. |
Einsatz in der Onkologie
Cannabinoide, vor allem THC, wurden seit den 1980er Jahren zur Linderung von Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit einer Chemotherapie (CINV) bei Krebspatient:innen eingesetzt. Jedoch wurden neuere antiemetische Medikamente zu bevorzugten Erstlinien-Therapien, wodurch THC heute hauptsächlich bei therapierefraktärer CINV verwendet wird
(Smith et al. 2015 ). Trotzdem bieten Cannabinoide eine Vielzahl weiterer therapeutischer Vorteile für Krebspatient:innen.
Durch ihre Fähigkeit, den Stoffwechsel und die Nahrungsaufnahme zu beeinflussen, kann die Anwendung von Medizinalcannabis die durch Chemotherapie verursachten Veränderungen der chemosensorischen Wahrnehmung milder (Brisbois et al. 2011). Dies trägt zur Verbesserung des Nahrungsverzehrs und der Steigerung des Appetits bei,
was letztlich zu einer Gewichtszunahme bei Krebspatient:innen führen kann (Bar-Sela et al. 2019).
Eine der wichtigsten therapeutischen Anwendungsbereiche für Krebspatient:innen ist die Linderung von Schmerzen (Aviram et al. 2020, Johnson et al. 2010, Zylla et al. 2021) Zusätzlich dazu zeigen Studien, dass bei gleichzeitiger Anwendung von Cannabinoiden und Opioiden die Dosis letzterer gesenkt werden kann (Zylla et al. 2021), da sich
pharmakodynamische Synergien im analgetischen Wirkmechanismus ergeben. Durch eine Verbesserung von unter anderem der Schlafqualität kann THC darüber hinaus das allgemeine Wohlbefinden und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern (Aviram et al. 2020, Schloss et al. 2021).
Neben der reinen Symptomlinderung eröffnen Cannabinoide auch weitere therapeutische Möglichkeiten für Krebspatient:innen. Dazu gehört der Schutz vor den nachteiligen Folgen einer Chemotherapie. Cannabinoide, darunter vor allem CBD, verfügen über antioxidative und neuroprotektive Eigenschaften, die dazu beitragen können, kognitive
Beeinträchtigungen infolge einer Chemotherapie abzumildern (Boullon et al. 2021). Damit ist eine Kombination aus THC und CBD eine sinnvolle therapeutische Ergänzung für Krebspatientinnen und -patienten.
Zusätzlich lassen präklinische Studien auf potenziell noch bedeutsamere Wirkungen der Cannabinoide als Anti-Krebs Agenten hoffen, da das Endocannabinoidsystem eine Rolle bei der Tumorproliferation spielen könnte. In sowohl in vitro als auch in vivo Untersuchungen haben Cannabinoide bereits gezeigt, dass sie das Tumorwachstum hemmen und
gezielt den programmierten Zelltod (Apoptose) von Krebszellen induzieren können (Colvin et al. 2022, Deng et al. 2022). Obwohl sich diese Forschung noch in den Anfängen befindet, weckt sie bereits Hoffnung in das große therapeutische Potential von Medizinalcannabis.
| Nahrungsaufnahme | Antiemetikum Steigerung des Nahrungsgenusses Linderung chemosensorischer Wahrnehmungsveränderungen • Verbesserung von Tumorkachexie |
| Schmerzen | Linderung von Krebsschmerzen Reduktion der konsumierten Opioidmenge der Patient:innen |
| Lebensqualität | Verbesserung der Schlafqualität Steigerung der Lebensqualität Verbesserung von Angst |
| Schmerzen | Neuroprotektive Wirkung und Reduktion oxidativen Stresses Schutz vor kognitiven Einschränkungen durch Chemotherapie |
| Schlafförderung | Medizalcannabis führt zu signifikanten Verbesserungen der Schlafqualität und Verringerung der Schlafunterbrechungen. Bei chronischen Schmerzpatient:innen verbessert Medizinalcannabis die Schlafqualität. |
Therapie von Bewegungsstörungen
Das Endocannabinoidsystem ist an der Regulation einer Reihe physiologischer Systeme beteiligt, darunter auch motorische Regulation in den Basalganglien (Pacher et al. 2006). Endocannabinoide werden hierbei von Neuronen als retrograde Regulatoren der synaptischen Übertragung freigesetzt (Wilson und Nicoll, 2002). In den Basalganglien sind Cannabinoidrezeptoren in hoher Konzentration vorhanden und üben so vor allem in der Substantia Nigra Pars Reticulata und internen Segmenten des Globus Pallidus eine tonische hemmende Kontrolle auf den Thalamus und die motorischen Hirnstammbereiche aus (Benarroch 2007; DeLong und Wichmann, 2007). Daher hat die therapeutische Nutzung von Cannabinoiden bei hypertonischen Bewegungsstörungen großes Potenzial.
MORBUS PARKINSON UND MORUBS HUNTINGTON
Präklinische Untersuchungen und postmortale Analysen zeigen veränderte Expressionsmuster von CB1- und CB2-Rezeptoren im Gehirn von Patientinnen und Patienten mit Morbus Parkinson, was auf eine Beteiligung des Endocannabinoidsystems an der Pathophysiologie der Erkrankung hinweist (Basile et al. 2022).
THC kann über die Aktivierung von CB1- und CB2-Rezeptoren im zentralen und peripheren Nervensystem die motorische Kontrolle modulieren und die Tremorschwere bei Parkinson- und Huntington-Erkrankungen vermindern. Die Effekte von Medizinalcannabis auf primäre motorische Symptome oder sekundäre Dystonien im Rahmen dieser Erkrankungen sind
derzeit noch nicht abschließend geklärt, die bisherige Evidenz zeigt jedoch ein positives Signal.
Klinische Studien berichten, dass Cannabinoide Schmerzen, Angst und Schlafqualität bei Parkinson-Patientinnen und -Patienten verbessern können (Peball et al. 2020). Darüber hinaus geben Betroffene an, dass auch motorische Funktionen und Bewegungsstörungen selbst günstig beeinflusst werden (Holden et al. 2022; Erga et al. 2022). Zudem
gibt es Hinweise auf potenzielle positive Effekte bei levodopa-induzierten Dyskinesien (Sieradzan et al. 2001).
Für Morbus Huntington deuten die wenigen verfügbaren Studien darauf hin, dass Cannabinoide motorische Symptome sowie neuropsychiatrische Beeinträchtigungen wie Reizbarkeit und Apathie und weitere Begleitsymptome wie Hypersalivation lindern können (Curtis et al. 2009; Saft et al. 2018).
Verbesserung motorischer Symptome (inkl. Dystonien (auch Levodopa induziert), Chorea)
Bahji et al. 2022; Erga et al. 2022, Curtis et al. 2009, Saft et al. 2018, Sieradzan et al. 2001
Verbesserung von Schlafstörungen
Bahji et al. 2022, Erga et al. 2022
Verbesserung von Unruhe/ Angst
Bahji et al. 2022, Holden et al. 2022
Schmerzlinderung
Erga et al. 2022
TOURETTE SYNDROM UND TICS
Ebenso spielen die Basalganglien und das dopaminerge System eine Rolle in der Pathophysiologie von Tics. Daher zählen Dopamin-Antagonisten aktuell zu den effektivsten Behandlungsoptionen (Müller-Vahl et al. 2002, 1997, 1998). Lange galt das Tourette Syndrom als Erkrankung des motorischen Systems, heute ist allerdings klar, dass auch weitere
Faktoren, wie z.B. die Wahrnehmung, eine Rolle bei der Entwicklung von Tics spielen.
Randomisierte kontrollierte Studien zum Nutzen von Cannabinoiden bei Tics und Tourette sind bisher nur vereinzelt erfolgreich in der Erreichung des primären Endpunkts, finden aber meist positive Effekte in Bezug auf Tic-Drang, Belastung und Gesamtsymptomlast (Abi-Jaoude et al. 2022), Beobachtungsstudien allerdings finden deutliche
Symptomverbesserungen unter Medizinalcannabis, einschließlich von Komorbiditäten wie Zwangssymptome, ADHS, Angst, Reizbarkeit/Wut und Schlafstörungen (Abi-Jaoude et al. 2017).
Verbesserung von Tics (motorisch/Sprachlich) und Gesamtsymptomlast
Abi-Jaoude et al. 2017, Abi-Jaoude et al. 2022, Jakubovski et al. 2017, Müller-Vahl et al. 2002
Verbesserung von Zwangssymptomen
Abi-Jaoude et al. 2017
Verbesserung psychiatrischer Symptome Angst, Wut/ Reizbarkeit, ADHS
Abi-Jaoude et al. 2017
Verbesserung von Schlafstörungen
Abi-Jaoude et al. 2017
Einsatz in der Gynäkologie
Das Endocannabinoidsystem ist in zahlreichen Prozessen der reproduktiven Gesundheit involviert und in den meisten reproduktiven Geweben weit verbreitet. Es moduliert unter anderem die Follikelentwicklung, die Eizellreifung sowie die ovarielle Hormonsekretion. Hieraus ergibt sich ein potenziell breites therapeutisches Spektrum für gynäkologische
Erkrankungen, gleichzeitig jedoch auch eine klare Kontraindikation für den Einsatz von Cannabinoiden bei Kinderwunsch, während der Schwangerschaft und in der Stillzeit.
Die derzeit robusteste Evidenz liegt für den Einsatz von Cannabinoiden bei chronischen Unterbauchschmerzen, einschließlich Endometriose, vor. Zudem werden Cannabinoide in der gynäkologischen Onkologie zur Verbesserung der Lebensqualität und der Schlafqualität eingesetzt.
Die S2K-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) empfiehlt den Einsatz von Cannabinoiden bereits als therapeutische Option zur Schmerzreduktion bei Endometriose, insbesondere für die neuropathische Schmerzkomponente.
| Behandlung von chronischen Unterbauch- Schmerzen | Schmerzlinderung |
| Behandlung von Endometriose | Schmerzlinderung Entzündungshemmende Wirkung Hemmung endometrial-ähnlicher Gewebe Antifibrotische Wirkung (nur Evidenz anderer Gewebe) Antiestrogene Wirkung Verbesserung der Lebensqualität |
| Gynäkologische Onkologie | Linderung von Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen 9 |
Einsatz in der Dermatologie
Cannabinoide können bei verschiedenen dermatologischen Erkrankungen sowohl symptomorientierte als auch krankheitsmodulierende Effekte entfalten. Zu den relevanten Indikationen zählen entzündliche Hauterkrankungen wie atopische Dermatitis, Psoriasis und Kontaktdermatitis sowie Akne und Pruritus.
Zu den zentralen Wirkmechanismen gehören die Entzündungshemmung, antioxidative Effekte, die Reduktion der Lipogenese der Haut sowie die Linderung von Juckreiz. Darüber hinaus kann CBD therapiebedingte Hautschäden abmildern. So lässt sich etwa die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies unter einer Wasserstoffperoxidbehandlung reduzieren (Atalay et al. 2021). Auch Schäden, die im Rahmen einer UVB-Therapie bei Psoriasis entstehen, können durch CBD abgeschwächt werden, da es die Apoptose gesunder Hautzellen reguliert (Wójcik et al. 2021). In Psoriasismodellen wurden zudem Verbesserungen von Hyperkeratose, Erythem und Desquamation sowie eine Reduktion entzündlicher
Marker beschrieben (Li et al. 2025).
| Entzündungshemmung Reduktion pro-entzündlicher Zytokine durch CBD, CBG oder CBD+THC | Angelina et al. 2020, Iffland et al. 2017, Li et al. 2025, Henshaw et al. 2021 |
| Antioxidationsmittel (CBD) | Atalay et al. 2021, Iffland et al. 2017 |
| Reduktion der Lipogenese der Haut (CBD) | Peyravian et al. 2022 |
| Reduktion von Juckreiz | Dvorak et al. 2003 |
| Schmerzlinderung | Spinella et al. 2023, Schräder et al. 2021 |
| Reduktion der Hyperkeratose, Erythemen und Desquamation (CBD) | Li et al. 2025 |
Diesen therapeutischen Wirkungen zugrunde liegt das Endocannabinoidsystem (ECS) der Haut, welches eine integrale Komponente der Hauthomöostase darstellt und neben den Cannabinoidrezeptoren 1 und 2 (CB1, CB2) die endogenen Cannabinoide und hydrolytischen Enzyme umfasst. CB1- und CB2- Rezeptoren wurden in Keratinozyten, Haarfollikelzellen, Talgdrüsen, Schweißdrüsenzellen, sensorischen Neuronen, Immunzellen, Mastzellen und Fibroblasten nachgewiesen. Das ECS spielt eine Rolle in physiologischen Hautfunktionen wie der Proliferation, Differenzierung, Apoptose sowie der Regulierung entzündlicher und immunologischer Reaktionen. Fehlfunktionen des ECS wurden mit verschiedenen pathologischen Hautzuständen sowie mit kutanen Wunden in Verbindung gebracht. Eine Aktivierung von CB2 Rezeptoren kann den Juckreiz reduzieren (Xu et al. 2025).
Vor allem CBD spielt in der Dermatologie eine wichtige Rolle. In Studien konnten bereits therapeutischen Wirkungen bei folgenden Erkrankungen der Haut nachgewiesen werden:
- Akne (Iffland et al. 2017)
- Atopischen Dermatitis (Callaway et al. 2005, Martins et al. 2022)
- Epidermolysis Bullosa (Schräder et al. 2021)
- Hautgeschwüre (Spinella et al. 2023)
- Kontaktdermatitis (Martins et al. 2022)
- Psoriasis (Martins et al. 2022)
Infobox CBD
Cannabidiol ist stark lipophil und reichert sich daher im Stratum corneum an. Darüber hinaus besitzt CBD keine berauschenden Wirkungen und ist auch bei chronischem Einsatz (Cunha et al. 1980) oder in Dosen von bis zu 1.500 mg/Tag nicht toxisch (Iffland et al. 2017).
Praxistipps
- Obwohl CBD in niedrigen Dosen in Kosmetika verwendet wird, ist es im pharmakologischen Einsatz ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel.
- Beider Verschreibung von reinem CBD muss kein Kostenübernahmeantrag gestellt werden, da es verschreibungspflichtig nach § 1 Nr. 1 AMVV ist und nicht unter das Cannabisgesetz fällt.
- CBD kann in verschiedenen magistralen Formulierungen verschrieben werden, dazu zählen:
- orale Formulierungen:
- ölige Cannabidiol-Lösung 50 / 100 / 200 / 400 mg/ml (NRF 22.10)
- Cannabidiol-Kapseln 10 – 150 mg (NRF 22.17)
- topische Formulierungen:
- leichte Lösung in vorrangig lipophilen Medien (Lotion, Creme, Salbe, Paste), z.B. in Lanolin DAB (lipophil) oder Basiscreme DAC (amphiphil)
- CBD kann topisch in Konzentrationen von 1 – 10 % eingesetzt werden (Stinchcomb et al. 2010).
- Aufgrund der oxidativen Stabilität von CBD ist kein Oxidationsschutz nötig.
- Rezepturausgangssubstanz: Cannabidiol CBD Pharma DAC GMP Substanz
- Gebindegrößen:
- 5 g Braunglas PZN 18394583
- 10 g Braunglas PZN 18394577
- 100 g Braunglas PZN 18394560
- 1.000 g Standbeutel PZN 18394554
- Gebindegrößen:
- Die Kombination mit Aspartam erhöht die Wirksamkeit bei atopischer Dermatitis (Gao et al. 2022).
- orale Formulierungen:
Literatur
Die jeweiligen Kernaussagen und Methodiken der in diesem Bereich zitierten Literatur finden Sie im Fachbereich unter „Literatur“ zusammengefasst.
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